Sehr häufig trifft man in Gesprächen auf die mehr oder weniger offen geäußerte Ansicht, der Mensch, so wie wir ihm im gewöhnlichen Leben begegnen, sei gleichsam der Mittelpunkt des Weltalls, die "Krone der Schöpfung", oder zumindest ein grosses und bedeutsames Wesen. Seine Möglichkeiten wären nahezu unbegrenzt, seine Kräfte beinahe unendlich.


Einem solchen Menschen begegnen wir nie im wirklichen Leben, weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit. Denn jeder Mensch hat seine Schwächen, und schauen Sie genau hin, so zerfällt das Trugbild der Grösse und Macht.


Das Interessanteste ist freilich nicht, dass die Leute andere Menschen mit diesem Trugbild behängen, sondern dass sie es aufgrund der Eigentümlichkeit ihrer Psyche, wenn nicht in seiner Gesamtheit, so doch teilweise, als Spiegelung auf sich selbst projizieren. Und auch wenn sie beinahe Nullen sind, sie bilden sich ein, jenem Idealbild zu entsprechen oder nicht weit davon entfernt zu sein.


"Mensch" wie stolz das klingt, allein wir müssen uns fragen, um welche Art von Mensch es sich handelt. Gewiss nicht um den Menschen, der sich über jede Lappalie entrüstet, banalen Dingen Beachtung schenkt und sich in alles um ihn her verwickeln lässt. Um sich zu Recht Mensch nennen zu können, muss man ein Mensch sein und "ein Mensch zu sein" ist nur möglich dank Selbsterkenntnis und Arbeit an sich selbst.

Auszüge aus einem Gurdjieff Vortrag in Essentuki um 1918