nasrudin

Nasrudin stand auf dem Marktplatz und wandte sich fragend an die Menge der Anwesenden: "Leute, wollt Ihr bequem und problemlos Weisheit erwerben, wollt Ihr die Wahrheit ohne Falschheit, wollt Ihr Erfolg ohne Anstrengung, Fortkommen ohne Opfer?" Alle, die sich eingefunden hatten riefen begeistert: "Ja, ja!" "Ausgezeichnet!" rief das der Mullah. "Das wollte ich nur wissen. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass ich Euch sogleich Bescheid geben lasse, wenn mir so etwas über den Weg läuft!"



An Markttagen stand Nasrudin häufig auf der Gasse und machte sich zum Narren: So oft ihm Leute ein großes und ein kleines Geldstück anboten, nahm er jedes Mal das kleinere. Eines Tages sagte ein wohlmeinender Mann zu ihm: „Nasrudin, du solltest die größere Münze nehmen. Dann wirst du mehr Geld besitzen, und die Leute haben nicht länger Gelegenheit, sich über dich lustig zu machen.“ „Das mag stimmen“, sagte Nasrudin, „aber wenn ich stets die größere nehme, werden die Leute aufhören, mir Geld zu geben. Denn sie tun es ja nur, um zu beweisen, daß ich verrückter bin als sie. Und dann würde ich überhaupt kein Geld mehr haben.“



Eines Tages wollten die Dorfbewohner sich mit Nasrudin einen Spaß machen. Da man ihn für einen heiligen Mann, wenn gleich von nicht recht verständlicher Art, hielt, gingen sie zu ihm mit der Bitte, er möge bei ihnen eine Predigt halten. Als der Tag kam, bestieg Nasrudin die Kanzel und sagte: ,,0 Leute! Wißt ihr, was ich euch erzählen werde?" "Nein, wir wissen es nicht", riefen sie. "Ehe ihr es nicht wißt, kann ich es auch nicht sagen. Ihr seid zu unwissend, als daß ich damit anfangen kann", sagte der Geistliche, übermannt von Entrüstung über so unwissende Leute, die ihm seine Zeit stahlen. Er stieg von der Kanzel und ging heim. Leicht verärgert ging eine Abordnung wieder zu seinem Hause und bat ihn, am kommenden Freitag, dem Tag des Gebetes, zu predigen. Nasrudin begann seine Predigt mit derselben Frage wie beim vorigen Mal. Diesmal antwortete die Versammlung wie aus einem Munde: "Ja, wir wissen es!" "In diesem Fall", sagte der Geistliche, "besteht für mich keine Notwendigkeit, euch länger aufzuhalten. Ihr könnt gehen." Und er kehrte heim. Nachdem man ihn bewegt hatte, auch am dritten, darauf folgenden Freitag zu predigen, begann er seine Ansprache wie zuvor: "Wißt ihr es oder wißt ihr es nicht?" Die Versammlung war darauf gefaßt. "Einige von uns wissen es, andere nicht."  "Ausgezeichnet!" sagte Nasrudin. "Dann laßt diejenigen, die es wissen, ihr Wissen denen mitteilen, die es nicht wissen." Und ging nach Hause.